DE  | EN | FR | IT

08.07.2020 - Unternehmenskommunikation

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Aus der Schule geplaudert

Wir alle erinnern uns an die Aufsatzthemen aus der Schulzeit: «Wie die Biene und die Schnecke Freundinnen wurden», «Mein schönstes Ferienerlebnis» oder «Erörtere die Frage, ob die Tramlinie 8 bis Allschwil verlängert werden sollte». Wenn wir ehrlich sind, haben wir solche Texte später in unserem Leben nie gebraucht und auch nie mehr geschrieben. Wer von uns hat sich in den letzten Jahren mit einem Fantasietext beschäftigt? Wohl die wenigsten. Wer hat nach der Matura noch eine «dialektische Erörterung» verfasst? Diese Textform mit ihrer strengen Pro und Contra-Argumentation ist sowieso eine Erfindung der Deutschdidaktik.

 

Wenn wir heute eine Frage diskutieren, dann eher in einer freien, essayistischen Form. Gut, wir haben auch Berichte geschrieben, aber ein Projektbericht hat herzlich wenig mit dem schönsten Ferienerlebnis zu tun.

Schauen wir allerdings Orientierungsarbeiten der letzten Zeit an, stossen wir auf Aufgabenstellungen wie diese:

Schreibaufgabe

Dein Sportlehrer hat dir eine schlechte Note im Bodenturnen gegeben, obwohl du ihm vor der Stunde gesagt hattest, dass du Rückenschmerzen hast. Schreibe ihm einen Brief, in dem du ihn bittest, die Note nicht zählen zu lassen. Begründe dabei, warum du dich ungerecht behandelt fühlst.


Bei den Schreibaufgaben jüngeren Datums sollen die jungen Menschen also lernen und üben, sich genau zu überlegen, wem sie schreiben und mit welchem Ziel. Das leuchtet durchaus ein, denn eine Ansichtskarte an die Gotte muss eben völlig anders aussehen als ein Brief an den Lehrer.

Ziel- und Adressatenorientierung beim Schreiben

Was für die Kleinen schon gilt und was sie üben und lernen, das gilt natürlich erst recht im Erwachsenenleben. Das Vorgehen lässt sich in einem einfachen Diagramm zusammenfassen:

 

Die genaue Beantwortung dieser Fragen führt zu einer grossen Klarheit, die uns beim Schreiben leitet.


Ein Beispiel: Wir haben in einer Sitzung mitskizziert. Ist nun ein Text verlangt, der den Teilnehmenden eine kleine Gedächtnisstütze schenkt oder eine genaue Wiedergabe des Treffens? Wenn der Text das Treffen dokumentieren soll, werden freie Notizen nicht genügen und ein Protokoll ist gefragt. Wer sind die Adressaten? Anders gesagt: Wer ist im E-Mail-Verteiler? Die Beantwortung dieser Frage wird uns zu einem Verlaufs- oder Ergebnisprotokoll führen. Eventuell müssen wir sogar zwei verschiedene Texte schreiben, denn für einige gibt es Schöneres als die Lektüre zehnseitiger Verlaufsprotokolle.

 

Auch beim Übersetzen muss der Fokus auf die erwähnten Fragen gelegt werden. Die fremdsprachige Vorlage erreicht ihre Ziele und ihre Adressaten in eben der jeweiligen Fremdsprache. Hier ist eine zu wörtliche Übertragung eher kontraproduktiv, denn wir müssen ja unsere Ziele und unsere Adressaten in unserer Sprache erreichen.

 

Ein Beispiel: In amerikanischen Blogtexten und Foren finden sich immer wieder umgangssprachliche Wendungen, selbst wenn das erklärte Ziel eine sachliche Orientierung ist und die Adressaten Fachleute sind. Die Leserschaft wird mit einer unliebsamen Tatsache konfrontiert und man liest «OMG!». Diesen Ausdruck würden wir wohl in der Übersetzung auf ein höheres sprachliches Niveau heben und eine Wendung wie «da sind wir ein wenig schockiert» oder «das versetzt uns in Erstaunen» verwenden, denn ein hiesiges Fachpublikum würde sich durch ein «Oh mein Gott!» wahrscheinlich brüskiert fühlen.  

So weit, so gut – so gut, so weit.

Eigentlich wäre jetzt schon alles gesagt. Wenn nicht – ja, wenn eben dieses orientierte Schreiben nicht so oft misslingen würde. Wir wollen uns deshalb der Frage zuwenden, warum es so häufig nicht gelingt, wirklich ziel- und adressatenorientiert zu schreiben.

1.    Das falsche Ziel

Ein Freund von mir hatte seinen Chef schriftlich darum gebeten, ihn in einen bestimmten E-Mail-Verteiler aufzunehmen. Wir alle kennen das: An Informationen zu kommen, ist im Berufsleben ein entscheidender Faktor. Der Chef schrieb zurück, dass er ihn, «wenn das unbedingt so gewünscht sei», in den Verteiler aufnehme. Mein Freund war enttäuscht. Bitter enttäuscht. Als wir am Abend das Geschehene analysierten, stellte sich heraus, dass er sich am «unbedingt so gewünscht» störte, denn er hatte sich ein «gerne nehme ich dich auf» ersehnt. Ich musste schmunzeln – der klassische Fall. Sein Schreibziel war nicht die Aufnahme in den Verteiler gewesen, sondern Anerkennung. Er wollte Lob, Wertschätzung, Beachtung. Der Verteiler war nur ein Vorwand. Und eine Textsorte, die einem Wertschätzung bringt, muss wahrscheinlich noch erfunden werden …

Wir müssen uns also vor jedem Schreibvorgang selbst fragen, was wirklich unser Ziel ist, und unseren Stil entsprechend anpassen. Zudem sollten wir uns auch immer überlegen, ob dieses Ziel mit einem Text überhaupt erreichbar ist. Ist unser Ziel, dass unser Nachbar (klarer Adressat) sein Auto nicht mehr in unsere Einfahrt stellt? Dann passt die Textsorte «formeller Beschwerdebrief» und der Stil ist sachlich und sachbezogen. Ist unser Ziel jedoch, dem Nachbarn so richtig die Meinung zu sagen, weil das Falschparkieren nur der berühmte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, dann ist der Stil ein ganz anderer. Allerdings sollten wir uns überlegen, ob wir diesen Brief auch wirklich abschicken.

2.    Der Adressat in seiner Rolle

Wir alle kennen Filmszenen, in denen sich jemand in Positur wirft und seinem Gegenüber ein «Haben Sie vergessen, mit wem Sie reden?» zuruft. Eine Frage, die erstaunt, denn niemand vergisst während einer Unterhaltung, mit wem er spricht. Der in Positur meint natürlich etwas ganz anderes, nämlich sein Gegenüber vergesse, in welchen Rollen sich die beiden befinden, wie zum Beispiel Schüler-Lehrer, Kunde-Dienstleister oder Angestellter-Vorgesetzter.


Wir müssen also bei der Frage nach dem Adressaten oder der Adressatin nicht nur die Person bedenken, sondern auch ihre Rolle. Schreibe ich einem Freund? Schreibe ich meinem Vorgesetzten? Oder einer Kundin? Das ist gar nicht so einfach, denn oft vermischen sich die Ebenen; da ist der Chef auch ein Stück weit zum Freund geworden, da wurde eine Freundin zur Kundin oder es hat sich umgekehrt eine Freundschaft zu einer Kundenbeziehung entwickelt.


Seien wir also hier sehr wachsam: Die Adressatenfrage kann nicht ohne eine genaue Analyse der Rollen beantwortet werden. Vielleicht empfiehlt es sich hier auch, gewisse Anliegen nicht in ein und denselben Text zu packen. Sich beispielsweise bei Reto für die gelungene Party zu bedanken (Rolle: Freund) und dann auf seine Offerte einzugehen (Rolle: Geschäftspartner), kann schiefgehen. Ratsamer wäre wohl, dem Freund Reto eine SMS oder WhatsApp zu schreiben und dann in einem Geschäftsbrief auf das Angebot des Geschäftspartners Reto einzugehen.

3.    Beim Gegenlesen

Wir alle haben bei den oben erwähnten, unsäglichen Aufsätzen schreckliche Fehler gemacht. Fehler, die wir mit einem gewissen Abstand sicher gefunden hätten, aber als es läutete, mussten wir ja abgeben und das war’s. Seit dieser Zeit lassen wir unsere Texte stets gegenlesen, denn man selbst ist irgendwann «blind» für die eigenen Fehler und vier Augen sehen ja bekanntlich mehr als zwei. 

 

Was aber zu wenig gemacht wird, ist, den Korrekturlesenden die beiden oben beschriebenen Fragen vorzulegen:

 

Ist der Text für diesen Adressaten angemessen?

Werde ich mit diesem Text mein Ziel erreichen?

 

Beim Korrekturlesen würde ich hier auf zwei klare Ja genauso viel Wert legen wie auf das Auffinden eines überflüssigen Kommas oder eines doppelten Leerschlags.

Fazit und Lesetipp

Nehmen wir uns also Zeit – die sollte man sich zum Schreiben sowieso immer nehmen. Aber nehmen wir uns auch die Zeit zur Vorbereitung und überlegen wir uns genau, wem wir schreiben und in welcher Rolle diese Person sich befindet.

Zum Schluss noch ein Lesetipp: Mozarts Briefe. Wie kaum ein anderer hat der geniale Komponist es in seinem Schreiben verstanden, Ziel und Adressat genau im Blick zu haben und seinen Stil so anzupassen, dass man kaum glauben kann, die Briefe stammen vom gleichen Autor. Ein grossartiges Lesevergnügen! Übrigens: Biene und Schnecke-Aufsätze musste der Schöpfer der «Zauberflöte» nie verfassen – er hat nie eine normale Schule besucht.